Gesünder wohnen mit Kalk- und Lehmputz
Lehm wird seit jeher als Baustoff genutzt. Anfangs waren es Lehmböden, die später durch Stampfen extrem verdichtet wurden. Als die ersten Steine zum Errichten von Wänden genutzt wurden, sorgte Lehm für die luftdichte und dauerhafte Verbindung. Und bei mittelalterlichen Fachwerkhäusern wurde die isolierende Wandfüllung aus Stroh, Reisig oder Gras mit Lehm oder Kalk verputzt.
Erst die Entwicklung moderner Baustoffe verdrängte den Kalk- und den Lehmputz. Rund drei Jahrzehnte wurde im Bauwesen auf deren Einsatz fast vollständig verzichtet. Erst mit der Nachfrage nach umweltverträglichen, nachhaltigen Baustoffen und solchen, die die Wohngesundheit positiv beeinflussen, erlebten Kalk- und Lehmputz eine Renaissance.

Gesundes Wohnklima durch Naturbaustoffe
Nahezu alle Materialien sind in irgendeiner Form chemisch behandelt oder wurden durch die Chemie möglich. Dass diese Vorgehensweise gelegentlich unerwünschte Nebenwirkungen mit sich bringt, haben Bauunternehmen in den vergangenen Jahren häufiger zur Kenntnis nehmen müssen. Kunststoffverbindungen dampfen aus, Farben produzieren gesundheitsschädliche Gase und so manches Material ist für den Innenausbau nicht mehr zugelassen.
Als Alternative bieten sich Naturbaustoffe an, deren Ungefährlichkeit zweifelsfrei nachgewiesen ist. So wird vermieden, dass später ein böses Erwachen in Form von aufwendigen Sanierungen die Folge ist. Bestes Negativbeispiel hier ist das natürlich vorkommende kristallisierte Silikat-Mineral, welches ungeprüft in zahlreichen Baumaterialien eingesetzt wurde: Asbest.
Ton – ein einzigartiger Baustoff
Ton als Naturbaustoff kann die Luftfeuchtigkeit in Räumen regulieren, genau wie die Raumtemperatur. Bei Versuchshäusern aus Ton wurde festgestellt, dass dieser Baustoff erhebliche Mengen überschüssigen Wassers zwischenspeichern kann. Sinkt die Luftfeuchtigkeit, weil beispielsweise die Heizungsanlage eingeschaltet wird, gibt der Ton das gespeicherte Wasser wieder an die Raumluft ab. Dies hilft, Erkältungskrankheiten vorzubeugen, die ja während der Heizperiode aufgrund der trockenen Raumluft verstärkt auftreten.
Und im Sommer bei hohen Temperaturen reicht es aus, die Tonwände mit etwas Wasser zu besprühen. Durch die physikalisch entstehende Kälte bei der Verdunstung ist es möglich, einen Raum zumindest um einige Grad Celsius abzukühlen. Tonziegel bringen den Vorteil mit, dass gebrannter Ton zahlreiche Lufteinschlüsse vorweist. Insofern besitzen Tonziegel eine schlechtere Wärmeleitfähigkeit als andere Mauersteine, was beim Hausbau bekanntlich gewünscht ist. Zugleich sind diese Ziegel ebenfalls in der Lage, Wasser zu speichern und wieder abzugeben, was sie für bestimmte Einsatzbereiche prädestiniert, beispielsweise für die Mauer hinter dem Kamin oder Kachelofen.

Lehmputz – der ideale Putz für Wohnräume
Lehm ist die Mischung aus Ton und Sand, wobei der Anteil Ton bestimmt, wie aufnahmefähig der Putz wird. Die Gewinnung von Lehm ist relativ einfach, denn dieser Naturbaustoff findet sich quasi überall und in großen Mengen. Und Lehm als Putz ist in facettenreichen Farben verfügbar. Einige Hersteller bieten fertigen Lehmputz in rund 140 Farben an. Dabei reicht die Palette von Weiß bis nahezu Schwarz, von strahlendem Gelb bis zum rötlichen Orange und von Beige bis Dunkelbraun. Vorteil dieses Putzes ist, dass er nicht gestrichen werden muss. Voraussetzung dafür ist, dass der Verputzer Erfahrung im Umgang mit Lehmputz besitzt. Nur dann lassen sich die Qualitätsstufen für Innenputzoberflächen nach Norm (Q1 bis Q4) erzielen und auch im Arbeitsauftrag vertraglich festlegen.
Allerdings ist ein Lehmputz nicht für alle Bereiche geeignet. Da Lehmputz nicht wie Kalkputz oder Zementputz abbindet, sondern lediglich aushärtet, ist er Wasser gegenüber empfindlich. Kommt er mit zu viel Wasser in Berührung, löst er sich auf. Deshalb wird Lehmputz nur selten im Außenbereich oder in Nassräumen verwendet. Allerdings besteht die Möglichkeit, eine Schicht Lehmputz aufzutragen, die abschließend beispielsweise durch eine dünne Schicht Kalkfeinputz abgedeckt wird.
Feuchtigkeits- und schimmelresistenter Kalkputz
Durch Duschen, Kochen und selbst durch die Atmung der Bewohner entsteht Wasserdampf. Mit der Zeit steigt die Luftfeuchtigkeit in den Wohnräumen derart an, dass sich Schimmelpilze bilden. In der Regel lässt sich dies nur durch richtiges Stoßlüften oder technische Geräte wie einen Luftentfeuchter vermeiden. Wichtig ist aber immer, dass Pufferzonen geschaffen werden, um die Feuchtigkeit aus der Luft vorübergehend aufzunehmen. Ansonsten kommt es zur Schwitzwasserbildung, zum Kondensat, welches sich vor allem an den Fenstern niederschlägt. Kalk- und Lehmputz sind beide durch ihre hohe Sorption und Kapillarität als Puffer vorzüglich geeignet.
Allerdings bringt der Kalkputz einige besondere Eigenschaften mit. Kalkputz ist alkalisch. Kalkfeinputz, in der Regel aus Sumpfkalk hergestellt, besitzt einen pH-Wert größer als 12, was auf natürliche Weise die Bildung von Schimmelpilz unterbindet. Handelt es sich bei einem Kalkputz um einen reinen Mineralputz, also ohne Zugabe von Kunstharz, dient der Kalk selbst als Bindemittel. Auch Kalkputz gibt es eingefärbt in facettenreichen Farben, sodass auf einen abschließenden Anstrich verzichtet werden kann.
Erwähnt werden muss aber auch, dass die Herstellung energieintensiv ist. Zuerst muss Kalkstein bei mehr als 1.000° C gebrannt werden, um Branntkalk zu erhalten. Diese alkalische Kalkart wird mit Wasser vermischt zu Löschkalk. Das Calciumhydroxid, also der gelöschte Kalk, muss anschließend für rund sechs Monate in einer Sumpf genannten Grube lagern, woher auch die Bezeichnung Sumpfkalk stammt. Bei dieser Lagerung setzen sich die unreinen, gröberen Partikel am Boden ab, während der feine Kalkputz oben abgeschöpft wird. Genau dieser Kalkputz hat sich in Nassräumen und im Außenbereich bestens bewährt. Den Beweis dafür liefern zahllose Fachwerkbauten, die teils deutlich über 100 Jahre alt sind und deren Fassade aus Kalkputz besteht. Schimmel, Algen und Moos sind selbst auf einem so alten Kalkputz fast nie zu finden.
Übrigens: Bauern nutzten die alkalischen Eigenschaften des Kalks auch auf eine andere Weise. Sie verwendeten den Sumpfkalk, um damit die Wände der Schweine- und Kuhställe zu kalken. Dank des hohen pH-Wertes ist ein solcher Anstrich eine exzellente antibakterielle Maßnahme im Rahmen der Hygiene.
Weitere Vorteile von Kalk- und Lehmputz
Es hat sich gezeigt, dass Kalk- und Lehmputz nicht nur Wasser aufnehmen kann. Beide Putze sind in der Lage, Schadstoffe aufzunehmen und dauerhaft zu binden, beispielsweise Lösungsmittel aus Farben, Klebstoffe aus Möbeln oder das Nikotin aus Zigaretten. Zudem gibt es klare Anzeichen dafür, dass beide Putze Viren, Bakterien und andere Keime absorbieren und unschädlich machen können.
Alternativen zum Kalk- und Lehmputz
Es besteht die Möglichkeit, die Wände statt mit Lehm mit Ton zu verputzen. Der reine Ton, also ohne Zugabe von Sand, besitzt noch bessere Puffereigenschaften als bei Lehm- oder Kalkputz vorhanden. Eine weitere, baubiologisch exzellente Alternative ist Holz. Dieser Naturbaustoff besitzt eine hygroskopische Zellstruktur. Soll heißen: Auch Holz kann eine gewisse Menge Wasser zeitbegrenzt speichern und anschließen wieder an die Raumluft abgeben. Deshalb ist in Holzhäusern an schwülen Sommertagen ein angenehmes Raumklima anzutreffen.
Allerdings ist die Raumluft während der Heizperiode oftmals recht trocken, was sich aber beispielsweise durch einen Zimmerspringbrunnen oder eine Luftbefeuchtungsanlage aus der Haustechnik regulieren lässt.
Natürliche Wohnraumdurchlüftung ist Grundbedingung – ein Fazit
Ob Kalk- oder Lehmputz oder eine Holzwand; keiner dieser Naturbaustoffe kann die Wohnraumdurchlüftung verzichtbar machen. Deshalb ist es wichtig, ab der ersten Planungsphase die physikalisch gegebenen Luftströme in einem Gebäude einzuplanen und bei der Bauausführung zu berücksichtigen. Allerdings ist ein Naturputz aus baubiologischer Sicht generell einem Putz aus industrieller Fertigung vorzuziehen. Die gesundheitlichen Vorteile liegen auf der Hand.